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Kinderschutz

Kinderschutz ist Handeln in Unsicherheit. Jetzt noch mehr, wo das System der Kinder- und Jugendhilfe selbst in der Krise steckt. Was aber (jetzt) sicher ist: Kinderschutz ist systemrelevant! (Fegert/Clemens/Berthold/Kölch 2020).

Nur was bedeutet das konkret? Wie weit soll der Begriff des Kinderschutzes gefasst werden? Wie weit muss er gefasst werden, damit Kinder in den aktuellen Zeiten geschützt werden können? Beinhaltet das ausschließlich das Ausrücken der Kolleg*innen im ASD, wenn eine Mitteilung nach § 8a SGB VIII eingeht, die die Fachkräfte so einschätzen, dass sie sich unmittelbar einen eigenen Eindruck von den Kindern machen müssen? Umfasst dies auch, dass erzieherische Hilfen – auch in ambulanten und teilstationären Settings – fortgeführt werden, weil in den begleiteten Familien gewichtige Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung vorliegen, auch wenn noch keine Kindeswohlgefährdung festgestellt und kein Schutzplan erarbeitet wurde? Und impliziert diese Fortführung nicht notwendigerweise auch persönliche Kontakte von Fachkräften mit den Familien? Die Unsicherheiten in der Praxis sind enorm, die Beantwortung dieser Fragen fällt an unterschiedlichen Orten maximal unterschiedlich aus.

Ohnehin vorhandene Schwachstellen im System des Kinderschutzes drohen sich in Krisenzeiten zu Löchern auszuwachsen. Ein Beispiel hierzu: Aus der Analyse problematisch verlaufener Kinderschutzfälle (vgl. Nationales Zentrum Frühe Hilfen 2018) ist bekannt, dass es für Fachkräfte in bestimmten Konstellationen eine Herausforderung darstellt, ihr Handeln konsequent an der erarbeiteten fachlichen Einschätzung im Einzelfall auszurichten. In Zeiten von Corona, wo grundlegende Elemente von Schutzplänen wegfallen – der tägliche ganztägige Besuch einer Kita oder der tägliche persönliche Kontakt einer Fachkraft mit den Kindern – bedeutet die konsequente Ausrichtung des eigenen Handelns an der fachlichen Einschätzung, entweder alternative, das Kind schützende Maßnahmen im bestehenden Setting zu installieren oder aber, wenn dies nicht möglich ist, ein stationäres Setting zu schaffen, um den Schutz des Kindes zu gewährleisten. Aber kann derzeit jeder einzelne dieser Fälle in dieser Intensität bearbeitet werden? Stehen im ASD hinreichend Kapazitäten für die dafür notwendigen Fallreflexionen und Entscheidungen zur Verfügung? Können die dafür notwendigen Gespräche mit allen Beteiligten in adäquater Form geführt werden? Sind die Eltern bzw. die Familienrichter für dann notwendige Schritte zu gewinnen bzw. überhaupt erreichbar? Haben die Einrichtungen entsprechende Kapazitäten und welche Auswirkungen hat das für die Kinder bzw. was bedeutet das, wenn der Ausnahmezustand vorüber ist?

Es braucht eine differenzierte Güterabwägung zwischen der Reduzierung persönlicher Kontakte zur Verlangsamung der Verbreitung des Coronavirus und einer Fortführung solcher Tätigkeiten und Maßnahmen, die für den Schutz von Kindern erforderlich sind. Mit einer klaren Priorität: Kinderschutz muss gewährleistet sein, denn das Wächteramt bleibt bestehen und die rechtlichen Grundlagen sind unverändert gültig.

Hören Sie hierzu auch „Podcast hr info: Kinderschutz in Zeiten von Corona“ (www.hr-inforadio.de/podcast)